PHILOSOPHIE
/ HINTERGRUND

ÄSTHETISCHE NATURERFAHRUNG

Ästhetik im umfassenden Sinne bedeutet „die sinnliche Wahrnehmung betreffend“ 1 .

Damit ist gemeint, möglichst offen und unvoreingenommen mit allen Sinnen der Welt zu begegnen. Das interpretierende Denken aus dem, was wir schon wissen, halten wir zurück zugunsten der reinen Wahrnehmung. Die Begriffe dienen dann dazu, das Erlebte behutsam zu beschreiben, zu charakterisieren. Sie lenken unseren Blick, die Fähigkeit in der Sinneserfahrung wach zu sein für das umfassende Gewahr-werden der Phänomene.

Im ästhetischen Anschauen geht es um ein genießendes und dennoch bewusstes Erleben und Ausdrücken dessen, was sich in der sinnlichen Wahrnehmung offenbaren will. Indem wir uns einem Ort immer wieder zuwenden, vertieft sich die innere Beziehung zu dem Angeschauten.

Goethe umschrieb diese Fähigkeit in seinen naturwissenschaftlichen Schriften als „Anschauende Urteilskraft“ 2 : im Anschauen sehend werden, anschauend  Zusammenhänge ein-sehen. Sinnliche und geistige Beobachtung sind dabei nicht getrennt, sondern unmittelbar verbunden.

Auf diese Weise entsteht eine neue Verbindung mit den Naturwesen: sie werden ein Teil von uns selbst, und wir nehmen Anteil an ihrem Sein und ihrer Entwicklung.

Der ästhetische Zugang zu den Phänomenen im Sinne Goethes und J.G.Baumgartens wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zugunsten einer nur auf die äußere Beobachtung gerichteten materialistischen Naturwissenschaft zurückgedrängt.

Rudolf Steiner hat die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes mit Einleitungen versehen neu herausgegeben und eine Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltauffassung verfasst, die einen spezifischen Zugang zur lebendigen Natur aufzeigt.

Jochen Bockemühl & Mitarbeiter haben darauf aufbauend am Forschungsinstitut am Goetheanum Übungswege für einen individuellen und dennoch verantwortlichen Umgang mit Natur und Landschaft entwickelt. Dieser Ansatz wird aktuell weiter gepflegt u. a. durch die europäische Landschaftsakademie PETRARCA sowie die Initiative „Anblick“.


S. Hans Rudolf Schweizer 1976: Vom ursprünglichen Sinn der Ästhetik.
2  Rudolf Steiner Hrg. 1982: J.W. Goethe, Naturwissenschaftliche Schriften, m. Einleitungen u. Erläuterungen Bd. 1, S.115-116.
3  Begründer der Ästhetik als Philosophie der sinnlichen Erkenntnis, s. in: Hans Rudolf Schweizer 1976: Vom ursprünglichen Sinn der Ästhetik.



LITERATUR

Heinrich Barth 1999: Erscheinen lassen, Schwabe Verlag Basel.

Jochen Bockemühl 2010: Lebt die Welt in mir?, Forschungsinstitut am Goetheanum, PETRARCA europäische Akademie für Landschaftskultur; petrarca.info

Georg Meier, Ronald Brady, Stephen Edelglass 2008: Being on earth – Practice in Tending the Appearances, Phänomenologie in der Naturwissenschaft Bd. 5, Logos Verlag Berlin.

Dietrich Rapp 2011: Wie begegnen wir der Sinneswelt? in: Die Drei 12/2011.


Hans Rudolf Schweizer 1976: Vom ursprünglichen Sinn der Ästhetik, Verlag Rolf Kugler Oberwil-Zug.

Rudolf Steiner Hrg. 1982: J.W. Goethe, Naturwissenschaftliche Schriften, m. Einleitungen u. Erläuterungen Bd. 1-5, Sonderausgabe, Dornach.

Rudolf Steiner 1979 (7. Auflage, 1. Auflage: 1886): Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Rudolf Steiner Verlag Dornach.

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